Dieter:  Meine Gedanken zu Corona

  • Uns haben die Beschränkungen schon Anfang März in Frankreich getroffen. Viel gravierender als wir das hier kennen: Nicht „nur“ Kontaktverbot, sondern generelle Ausgangssperre! Bei JEDEM Verlassen des Hauses musste aufs Neue in einem Formular mit Adresse und Unterschrift festgehalten werden, aus welchem der nur 4 zulässigen Gründe wir gerade draußen sind.
    Ansonsten: Haus oder Garten. Mit ungewohnt gespürter Stille: Strände und Dünen gesperrt, leeres Dorf, leere Landstraßen, leere Autobahn. Wir waren beeindruckt, wie diszipliniert die Franzosen, von denen de Gaulle sagte „Ein Land das 300 Sorten Käse herstellt, ist eigentlich nicht regierbar“ diese Auflagen praktiziert haben. Daran gemessen, leben wir noch relativ frei. Allerdings merkt man in der jetzt 6. Woche immer stärker, dass die sozialen Kontakte zu Familie und Freunden fehlen.
  • Gleichzeitig sieht man, dass – ökonomisch gesehen – unser Land tief gespalten ist. Bei uns geht der Riss mitten durch die Familie. Eine Tochter in Kurzarbeit, der anderen sind als Selbstständige 70% der Einnahmen weggebrochen. Meine Frau und ich sind dagegen als Rentner privilegiert, ebenso der Schwiegersohn als Beamter. Unsere Einkommen laufen – egal was kommt – ungeschmälert weiter.
  • Spontanes Träumchen: Wie wäre es, wenn z.B. die zum 1. Juli angekündigte Rentenerhöhung von gut 3 % ausgesetzt würde, oder die Beamten in diesem Jahr einmalig auf ihr 13. Gehalt (= ca. 8 % der Jahresbezüge) verzichten? Als Solidarbeitrag zugunsten der staatlichen Fördermittel für die finanziell gebeutelten Mitbürger/innen bzw. zur Wiederbelebung der am Boden liegenden Wirtschaft. Spinnerte Idee! Schnell wieder aufwachen…
  • Auch gefestigte Vorstellungen von Macht und Stärke geraten plötzlich ins Wanken: In God we trust? Aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten sehen wir Bilder, die man bisher nicht für möglich gehalten hätte: Massengräber in New York, 25 Mio neue Arbeitslose innerhalb von 4 Wochen, Kranke ohne jegliche Versicherung und Versorgung und endlose Autoschlangen vor der kostenlosen Lebensmittelausgabe. Ich bin gespannt, ob nach dieser Krise eine umfassende Arbeitslosenversicherung und eine generelle gesetzliche Krankenversicherung in den USA von der Mehrheit immer noch als „Sozialismus pur“ abgelehnt werden.
  • Krisen bringen immer das Schlechteste und das Beste im Menschen zutage. Da ist auf der einen Seite das infame Abfischen der Förderanträge für die notleidenden Kleinselbstständigen, um die Gelder auf betrügerische Konten umzuleiten. Und auf der anderen Seite erleben wir in der Gesellschaft eine ungeheure Kreativität und Hilfsbereitschaft: Privat organisierte Einkaufshilfen, (auch bei uns zu Hause) Nähen von Schutzmasken für den gesamten Freundes- und Bekanntenkreis, Online-Theater und -Oper, Konzerte und Gottesdienste im Autokino und vieles mehr. Das alles bringt nicht nur Abwechslung in den zwangsläufig etwas eintönig gewordenen Alltag, sondern es macht auch Mut und Hoffnung, dass uns allen von diesem Engagement und dieser praktizierten Solidarität auch nach der Krise vielleicht ein gutes Stück erhalten bleibt."

 

Dieter Sauer