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Die Macht der Liebe oder: Sein zweites Leben (eine Lesergeschichte)

Vor wenigen Tagen besuchten wir hier in der Türkei unsere Nachbarn. Der jüngste Sohn war aus dem Krankenhaus entlassen worden und erst seit wenigen Tagen wieder daheim. Uğur heißt er (Uğur wird mit einem ganz weichen, kaum hörbaren g gesprochen). Er wird bald vierzig Jahre alt. Wir kennen ihn schon seit seiner Kindheit, als Uğurs Familie das Haus neben unseres baute und er mit unseren Kindern die Ferien verbrachte.

Als wir Uğur vor wenigen Tagen besuchten, machte er auf mich einen ganz normalen Eindruck. So, wie er mir in Erinnerung war.

Doch dann begann er auf Nachfragen meiner besseren Hälfte zu erzählen. Seine Mutter, Gülay, war auch zugegen und ergänzte öfters seine Schilderungen.

Ich möchte seine letzten sechs Monate auch nicht in allen Einzelheiten beschreiben, sondern mich auf das Wesentliche eingrenzen.

Uğur war im Februar 2022 mit seinem Kumpel unterwegs. Beide fuhren auf ihren Motorrädern in die Stadt. Er sprach nur von einem „Unfall“, wobei er durch die Luft flog und hart auf dem Asphalt aufschlug. Sein Motorradhelm war nicht ordentlich angezogen und weg geflogen. So krachte Uğurs Kopf mit voller Wucht auf die Straße.

Natürlich war er sofort bewusstlos und musste sich den weiteren Ablauf später schildern lassen.

Der Sturz brach seinen Schädelknochen. Eine Hirnblutung war eine der Folgen. Noch vor Ort musste dies behandelt werden.

Im Krankenhaus wurde er entsprechend versorgt und umgehend ins Koma versetzt. Sein Körper lebte eigentlich nur noch durch die angeschlossenen Maschinen.

Obwohl sich die Ärzte intensiv um ihn kümmerten, blieb sein Zustand für etwa drei Monate unverändert. Die Ärzte gaben ihn schließlich auf. Sie hatten keinerlei Hoffnung mehr.

Uğurs Familie bestellte ein Grab und bereitete die Beerdigung vor.

Anfang diesen Jahres herrschte immer noch Corona-Pandemie. In der Türkei, wie in den meisten Ländern auch, galten entsprechende Sonderregelungen. Um die Patienten vor Ansteckung zu schützen. Es wurden keine Besuche auf der Intensivstation erlaubt. Uğur lag also monatelang einsam im Koma. Seine Mutter hatte oft darum gebeten, ihn sehen zu dürften. Der Wunsch wurde ihr verwehrt – bis zu dem Tag, als die Ärzte Uğur aufgaben. Nun war es ja egal, ob er noch eine Ansteckung dazu erhielt. Uğurs Hirn schien abgeschaltet zu sein. Ein Weiterleben ohne die Maschinen war somit unmöglich. Also erlaubte man Uğurs Mutter nun ihren Sohn zu sehen und Abschied zu nehmen.

Und jetzt kommen die zwei Stunden, die eigentlich unmöglich sein müssten. Seine Mutter setzte sich an das Krankenbett, fasste seine Hand und sprach mit eindringlichen Worten auf ihn ein. Uğur begann daraufhin seinen Geist zu reanimieren. Heute sagt er, er habe seine Mutter von oben neben sich sitzen sehen. Ihre Worte habe er so ziemlich alle mitbekommen. Die innere Kraft erwachte langsam.

Das Pflegepersonal erschien, um den Patienten zur abschließenden Untersuchung zu bringen. Im Fahrstuhl bemerkten sie, dass Tränen aus seinen Augen flossen. Er konnte schließlich die Augen öffnen und begann selbstständig  zu atmen.

Inzwischen kamen auch die Ärzte dazu und konnten die Wandlung nicht fassen. Wie war das nur möglich. Tage später fühlte sich Uğur so kräftig, dass er alle Kabel und Schläuche von seinem Leib abriss. Er wollte nur noch hier raus. Weg aus diesem Zimmer, welches fast sein Sarg geworden wäre.

Mit den entsprechenden Unterschriften konnte er schließlich das Krankenhaus verlassen.

2022 08 Ugur mit MutterNatürlich ist Uğur noch lange nicht genesen. Einige Folgeschäden müssen noch auskuriert werden. Aber das wichtigste hat er wieder: sein ansteckendes und mitreißendes Lachen.

 

 

   HB, August 2022

Eine Bitte an Leser, die gut Türkisch können: bitte helfen Sie, den Text zu übersetzen, damit dieser Beitrag auch in der Türkei gelesen werden kann. Uğur und seine Familie wären sehr stolz darauf.

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