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Hellrick klHellrick - Goldenste Lügen - Rockchansons treffen weibliche Lyrik

Michael Rick: Gitarren, Gesang

Christine Hellweg: Keyboard, Synthesizer, Flöte, Harfe, Gesang

Und es begab sich zu einer Zeit, als die Konzertsäle noch voll waren und die Menschen das Lächeln im Gesicht des anderen noch erkannten, da trugen Hellrick – Christine Hellweg und Michael Rick – ein selbst vertontes Gedicht einer Lyrikerin bei der Female Singers Night vor. Und ein Märchen nahm seinen Anfang, als Schobbe Vois, der Veranstaltungsleiter des Bergheimer Medio, die beiden sah und ermutigte, ein abendfüllendes Programm daraus zu machen. „Wer kauft denn sowas?“ fragte Michael Rick. „Ich“, sagte Vois, und bot ihnen einen Auftritt in Gleis11 an. Und die beiden Musiker*innen müssen wohl Glücksgefühle gehabt haben, als sie in den gut besuchten Konzertsaal schauten, in erwartungsvolle, vermutlich lächelnde Gesichter: Masken vorschriftsmäßig, genesen oder geimpft selbstverständlich.

Das Programm der beiden war ein Zeugnis für mehrere Tatsachen, eine bestürzende und eine ermutigende.

Bestürzend muss man es nennen, dass offenbar wurde, wie ein beträchtlicher Teil der deutschen Kultur, vornehmlich der jüdischen, durch die nationalsozialistische Barbarei ausgelöscht wurde. Selma Meerbaum-Eisinger, Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko starben im KZ oder mussten emigrieren. Ihre Gedichte standen im Mittelpunkt des Abends. 

Ermutigend: Trotz ihrer desolaten Lagen haben die Dichterinnen immer wieder hoffnungsvolle, ironische, komische Worte gefunden, die von Christine Hellweg und Michael Rick sehr liebevoll und anmutig vertont wurden. Schönes Beispiel: „Gedicht“ von Mascha Kaléko. Christine Hellweg liest diese Hommage an die Stadt Berlin, Michael Rick spielt leise Arpeggien im Hintergrund, und wenn die Worte verstummen, setzt er zu einem ruhigen, sich immerwährend steigernden Solo an, das schließlich in einen rockigen Groove übergeht – eine meisterhafte Anverwandlung der Musik an die Lyrik. Manchen Gedichten wohne gewissermaßen eine Melodie inne, sagen sie, zum Beispiel „Ja“ von Selma Meerbaum-Eisinger, das sie mit Harfe und 12saitiger Gitarre begleitet singen. 

Hellrick gro

Im Titel des Konzerts ist die Rede von „weiblicher Lyrik“ – was aber ist das? Hellrick singen das entsprechende Gedicht dazu von Mascha Kaléko: „Die Leistung der Frau in der Kultur“. In ironischer Weise zeigt sie auf, wie die Granden der Weltdichtung ohne ihre Frauen ein Nichts gewesen wären – sehr nachlesenswert: https://lyricstranslate.com/de/mascha-kaléko-die-leistung-der-frau-derkultur-auf-eine-rundfrage-lyrics.html

Mascha Kaléko wurde 1960 der Fontanepreis zuerkannt – eine späte Wiedergutmachung? Da war es keine gute Idee, dass in der Jury Hans Egon Holthusen saß, NSDAP-Mitglied und SS-Obersturmführer. Mascha Kaléko lehnte ab. Den Preis erhielt dann Uwe Johnson, der mit seinem Roman-Zyklus „Jahrestage“ eine nobelpreisverdächtige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in die Literaturwelt setzte. 

Hellrick 2 gro

Auch die anderen Autorinnen müssen genannt werden: Aurora Stechern, sie lebte um 1850; Clara Müller-Jahnke, führende sozialistische Dichterin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; Sylvia von Harden, sie lehnte sich gegen ihre großbürgerliche Familie auf, der Idealtypus der emanzipierten Frau. Sie wurde von dem Maler Otto Dix porträtiert, das Bild hängt im Centre Georges Pompidou in Paris: https://www.youtube.com/watch?v=6SwqllacucY

Auch dabei: Maria Luise Weismann, Auguste Kurz, Anna Ritter, Marie Madeleine, Baronin von Putkamer.

Hellrick 3 gro

Ein Song fiel aus dem Rahmen und wurde daher erst in der Zugabe präsentiert: „Die perfekte Welle“ von der Band „Juli“, Text und Musik ausnahmsweise nicht von einer Frau, sondern von zwei Männern. Macht nichts – trotzdem schön!

Christine Hellweg und Michael Rick ist ein Kunstwerk gelungen: Aus den mitunter spröden, intellektuell und sprachlich anspruchsvollen Gedichten machten sie musikalische Juwelen, die strahlenden Glanz ins Gleis11 brachten. 

Stehende Ovationen!

Video

Bernd Woidtke