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kölner reliquienMein Buchtipp für den Adventskalender 2021 MQI

Kölner Reliquien


Autoren: M. Becker-Huberti und Konrad Beikircher

erschienen im J.P. Bachem Verlag

Vielleicht ist die Vorweihnachtszeit ja besonders geeignet, um sich einmal mit einem kirchlichen Thema zu befassen. Autoren dieses Buches sind Prof. Becker-Huberti, Theologe und langjähriger Pressesprecher des Erzbistums Köln sowie der Kabarettist Konrad Beikircher. Schon der etwas flapsige Untertitel „Heilige Knöchelchen schräg betrachtet“ zeigt, dass in den 22 Kapiteln des Buches die Geschichte(n) der Reliquien insbesondere in Köln und Umgebung sowie ihre Bedeutung für die Gläubigen gestern und heute in höchst unterhaltsamer Weise präsentiert werden.

Mit den „Knöchelchen“ ist natürlich die Königsklasse der Reliquien gemeint, die Gebeine der Seligen und Heiligen. Zwei von ihnen sollen hier beispielhaft genannt werden: Die hl. Ursula, die wegen ihres Glaubens zusammen mit ihren 11 (in typisch kölscher Übertreibung 11.000) Gefährtinnen von den Hunnen getötet wurde und deren Gebeine in der gleichnamigen Kirche in der „Goldenen Kammer“ zusammen mit tausenden anderen Knochen ausgestellt sind. So hat sie es in Köln geschafft, zur Stadtpatronin zu werden, symbolisiert durch die 11 kleinen Flämmchen im Kölner Stadtwappen.

Oder St. Petrus Martyr (Petrus von Verona), Schutzheiliger der Bierbrauer und Namensgeber für das „Pittermännchen“, dessen Leib sich nach der Heiligsprechung schlicht verdoppelt hatte, wobei die vier Hände offenbar nicht nur insgesamt 20 Finger hatten, denn der 30. Finger liegt in Köln.

Von den wichtigsten Personen des Neuen Testaments – Jesus und Maria – gibt es naturgemäß keine leiblichen Reliquien, denn sie sind ja in den Himmel aufgefahren. Hier hilft aber die 2. Liga der Reliquien – die Berührungsreliquien. So gibt es wortwörtlich zu jeder in den Evangelien geschilderten Handlung Jesus Reliquien. Angefangen von seinen Kleidern (der sog. Heilige Rock liegt bekanntlich in Trier) bis zu den Kreuznägeln, dem Essigschwamm und der Lanze. Besonders beliebt sind „Splitter vom wahren Kreuz“. 51 Kölner Kirchen rühmen sich dafür. Rechnet man das auf die Weltkirche hoch, ließen sich wohl ganze Wälder von Kreuzen zusammensetzen. Doch auch für die leiblichen Jesus-Reliquien haben die Gläubigen eine Lösung gefunden: das sanctum praeputium (bitte googeln), da Jesus ja bekanntlich Jude war. Von diesem Teil gab es 13 (!) auf der ganzen Welt, die leider allesamt verschwunden sind.

Dazu – außerhalb dieses Buches – eine Geschichte, die zu schön ist, um hier nicht erzählt zu werden: Als Harun al-Raschid 802 Kaiser Karl den Großen besuchte, brachte er als Gastgeschenk den Elefanten Abul Abbas mit. Jetzt musste dringend ein gleichwertiges Gegengeschenk her. So überreicht Karl seinem Gast das Sanctum Praeputium. Und auf die Frage, woher er das denn jetzt so schnell bekommen hätte, antwortete er, das habe ihm in der letzten Nacht ein Engel im Traum überreicht.

Aber jetzt zum Kölner Highlight, den Hl. drei Königen, die nicht einmal in der Bibel so genannt werden. Selbst die Zahl „drei“ wird dort nicht erwähnt. Lediglich im Matthäus- Evangelium tauchen plötzlich eine unbekannte Anzahl von „Weisen“ auf, die auch wieder im historischen Nichts verschwinden. Völlig unklar, wie deren Knochen „aus dem Morgenlande“ nach Mailand gekommen sein sollen. Dort wurden sie dann – zum höchsten Erstaunen der Mailänder selbst, die bis dahin gar nicht wussten, dass sie diese Gebeine besaßen - während eines Feldzuges von Kaiser Barbarossa gestohlen und vom Kölner Erzbischof Rainald von Dassel auf verschlungenen Wegen nach Köln gebracht wurden. Zu „Königen“ wurden die Drei erst mehrere Hundert Jahre nach Christus, später erhielten sie auch ihre heute geläufigen Namen, und dann wechselte der dritte König auf den Gemälden auch noch seine Hautfarbe in schwarz. Jetzt erst stimmte die Symbolik: Die drei Könige standen für die drei damals bekannten Erdteile und auch die drei Altersklassen (alt, mittelalt und jung) unterstrichen die theologische Aussage: „Die ganze Welt betet den Herrn an.“

Die politische Bedeutung der drei „Könige“ kann aber gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn der französische König hatte in der Pariser Sainte Chapelle die Dornenkrone Christi (sehr wichtig, aber „nur“ eine Sekundärreliquie). Das konnte der deutsche Kaiser nun toppen mit den Gebeinen der drei „Könige“, die Jesus als erste angebetet hatten. Die weitere Geschichte ist bekannt: Die Pilgerströme nach Köln wurden so groß, dass der alte Dom zu klein wurde. Folglich wurde 1248 der Grundstein für den heutigen, „neuen“ Dom gelegt.

Auch wenn man vielleicht nachvollziehen kann, dass die katholische Kirche die Reliquien der drei Könige nicht „entzaubern“ will, ist - zumindest aus meiner Sicht - nicht zu begreifen, dass die Kirche einem teilweise himmelschreienden Reliquien-Unsinn keine Grenzen gesetzt hat. Dazu zählen m.E. Jesus Windeln, Holz von der Krippe, Tropfen der Muttermilch Marias, Tonkrüge von der Hochzeit zu Kana oder Brotreste aus der wundersamen Brotvermehrung usw. (alles in Kölner Kirchen vorhanden!). TOP 1 dieser schrägen Liste ist aber ein Klumpen des Tons, aus dem Gott Adam erschaffen hat. Holla die Waldfee, da muss man erst mal drauf kommen! Trotzdem hat es niemand über das Herz gebracht, diesen mit Sicherheit profanen Klumpen einfach mal zu entsorgen. Aber vielleicht ist ja doch etwas daran??? Denn wie heißt es in Köln so schön: „Et jitt nix, watt es nit jitt!“

Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Dieter Sauer