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Die Sache mit der offenen Türe       (Lesergeschichte)

Mein Name ist Esin. Ich komme aus Nord-Zypern und bin seit bald 50 Jahren in Deutschland. Meine Muttersprache ist Türkisch, was in meiner kleinen Geschichte eine gewisse Rolle spielt.

Nun, als wir nach Deutschland kamen, landeten wir zuerst im Siegerland. In einem kleinen vergessenen Örtchen. Mein Gemahl war Musiker und musizierte gut sieben Jahre lang im Siegerlandorchester, bis er zu einem berühmten kölner Rundfunkorchester wechselte. Das war für uns das Signal, einen neuen Wohnort zu suchen, damit die Fahrzeiten von Tür zu Tür kürzer wurden. Ach ja, die Tür – das Stichwort.


So kamen wir Anfang der 80er Jahre nach Quadrath-Ichendorf und bezogen eine Wohnung in einem der Mehrfamilienhäuser am Wildentenweg. Schnell fühlten wir uns hier wohl und daheim. Wichtig war zur damaliger Zeit auch das Gefühl, in Sicherheit zu wohnen. Denn die Nachrichten meldeten immer wieder Anschläge auf Fremde jeder Art. In QI, wie man gerne unseren Ort hier nennt, fühlten wir uns ausgesprochen gut behütet. Dies bewies alleine schon die Tatsache, dass die Eingangstüre unseres Hauses stets verschlossen war. Wir mussten uns angewöhnen, immer den Schlüssel dabei zu haben. Sonst war man ausgesperrt – garantiert. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Haupttür jemals offen gestanden hätte.

Bis auf ein einziges mal...

Ich kam vom Einkaufen nach Hause. Die Haustür war also offen. Ich freute mich, dass ich nicht nach dem Haustürschlüssel suchen musste. Der war sicherlich wieder irgendwo in einer der Taschen vergraben. Die offene Haustür war für mich wie ein Fünfer im Lotto. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht durchschritt ich mit meinem Gepäck den Eingang und wollte zielsicher weiter – doch HALT! Was sah ich denn da an der Eingangstür? Sie wurde von einem Stück Holz offen gehalten auf dem das Wort „Türke“ mit dicker Schrift geschrieben war. Das hatte ich ja noch nie gesehen. Was sollte denn das für einen Sinn haben. Ich setzte meinen Weg zur Wohnung fort, bekam aber dieses Holzstück nicht aus dem Kopf. Mich beklomm ein ungutes Gefühl. Sollte das ein Hinweis sein, dass hier Türken eingezogen sind? Und sollte die Türe offen bleiben für jemand, der sonst keinen Zugang zum Haus hat? Ich war froh als ich die Wohnung erreicht hatte. Ich schloss von innen ab, was ich sonst nie tat – und schaute überall nach, ob ich auch wirklich alleine war. Mein Gatte war ja noch in Köln und hatte nur Noten im Kopf.

Auf der Suche nach einer plausiblen Antwort auf meine Beobachtung steigerte ich mich minütlich in eine Phase zwischen Panik und Hysterie. Ich glaubte, jeden Moment würde jemand die Wohnungstür eintreten und mich als Mahlzeit betrachten. Gab es denn keinen Ritter, der mich beschützen konnte. Wo ist mein Mann, wenn ich ihn am dringendsten brauche: Mozart spielen.

Die Stunden wollten nicht vergehen. Sie vergingen aber doch. Und so hörte ich am späten Nachmittag, dass sich ein Schlüssel in der Tür drehte. Mein Retter erschien. Heute kann ich nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob er nicht einen Heiligenschein um sich herum versprühte. Selten spürte ich so eine Erleichterung wie in diesem Augenblick. In Rekordzeit berichtete ich ihm meine Beobachtung und forderte ihn umgehend auf, etwas zu tun. Am besten gar nicht erst zur Polizei gehen sondern direkt die Armee zu rufen.

Mein Retter blieb merkwürdigerweise sehr ruhig. Er ließ sich von mir nicht anstecken. „Zeige mir mal das Holz.“ meinte er in Adagio* nur. Als ob man das Beweismittel zurück lassen würde, dachte ich. Er durfte voran gehen.

Die Haupteingangstüre war natürlich wieder geschlossen. Ha, das lag ja noch das Holz. Gatte hob es auf und betrachtete es kurz. Mit einem überlegenen Blick hielt er mir das gute Stück vor die Nase: „Lies doch mal richtig. Da steht Türkeil drauf.“ wieder in Adagio*. Er schob ihn unter die Tür – und siehe da: von dem il war nichts mehr zu sehen. „Damit wird die Tür aufgehalten, wenn sauber gemacht wird. Die Putzfrau hat ihn vielleicht vergessen gehabt.“ diesmal in Andante**.

Das Geheimnis war gelüftet. Die innere Anspannung wich der Erkenntnis, mit einem ritterlichen Alleswisser verheiratet zu sein.

Seit jenem Tag habe ich ein gestörtes Verhältnis zu diesen Holzdingern.

(für Nichtmusiker: *Adagio = langsam, ruhig, **Andante = gehend, schreitend)

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